Solang’s der Kleinen Spaß macht
Posted by admin in Business
Wenn aus einer Mutter plötzlich eine Modelmom wird
von tq
Jamie und Billie kommen im Partnerlook. Beide in rot und weiß, die blonden Haare zu neckischen Zöpfen hinter die Ohren gebunden. An den Haargummis baumeln kleine Plastikkugeln. Jamie tobt sofort im Düsseldorfer Studio von Paul Hutter herum, wirbelt durch die Garderobe und rennt gegen Stative. Billie kann sich benehmen, sie ist die Mutter und ein Profi.
Wie viele andere Eltern hat Billie Erl ihre hübsche kleine Tochter zu einer der zahllosen Casting-Agenturen gebracht, auf dem Fragebogen angekreuzt, dass Jamie gut in der Schule ist und selbst den Wunsch geäußert hat, Modell zu werden. Sie ließ eine Sedcard machen, mit Alter und Körpermaßen und niedlichen Fotos. Anschließend wurde ihr versichert, dass man sich melden würde, sobald eine Produktion Interesse an Jamie haben würde. Man hat sich oft gemeldet.
Billie ist eine „Modelmom“. Zu ähnlichen Begriffen wie Tennisvater oder Eislaufmutter gesellt sich nun das Bild einer Mutter, die ihre Kinder von Casting zu Casting schickt, am liebsten Einfluss auf die Produktion hätte und erst dann zufrieden ist, wenn die Kleinen von meterhohen Plakatwänden lächeln.
Billie genießt die Studioatmosphäre, sagt sie: das Blitzlicht, die Make-Up-Tips der Visagistin, die vollen Kleiderstangen der Stylistin. Nein, sie habe nie daran gedacht, selbst zu modeln. Die Frage schmeichelt ihr, sie erzählt von den Fitnesskursen die sie besucht und dass sie gerne jugendliche Kleidung trägt. Mit 36 Jahren könne man sich das noch leisten.
Die achtjährige Jamie weiß ziemlich gut, weshalb sie hier ist: „Die haben mich ausgesucht, obwohl da noch ganz viele andere Kinder in der Kartei waren! Ich werde hübsch gemacht und dann werde ich fotografiert.“ Billie nickt und erzählt zufrieden, dass Jamies Typ gefragt sei wie kein anderer: zart, blond, ein bisschen frech. Die Kleine hätte schon gut zu tun. Sie achte natürlich besonders darauf, dass die vielen Jobs nicht mit Schularbeiten kollidieren würden. Trotzdem sei es hin und wieder nicht zu vermeiden, dass Jamie für ein wichtiges Shooting in der Schule fehlen müsse. Sie habe am Anfang versucht mit der Klassenlehrerin zu reden, die habe aber kein Verständnis gezeigt. Billie lächelt verschmitzt: „Jetzt geht das okay, wir haben einen zuvorkommenden Hausarzt. Solang’s der Kleinen Spaß macht…“
Für Sarah und Ellen Bosbach ist es das erste Mal. Sarah ist 10 und ziemlich ruhig, ihre Mutter ist deutlich aufgeregter. Das Set beeindruckt sie, sie wagt kaum, sich hinzusetzen. Sie sei es nicht gewohnt, auf hohen Absätzen zu laufen, sagt sie entschuldigend, als sie sich doch einen Stuhl greift. „Wir wollen mal schauen, wie so ein Job läuft, dann werden wir gemeinsam entscheiden, ob das neben der Schule zu machen ist. Mir ist vor allem wichtig, dass Sarah Spaß dabei hat und die Schule nicht darunter leiden muss.“ Das Geld würde gespart für später.
Die ersten Shoots mit Sarah verlaufen reibungslos. Frau Bosbach ist von der Ruhe und Konzentration ihrer Tochter beeindruckt: „Ich wär viel aufgeregter! Wo der Papa doch nicht kommen konnte, dabei war ihr das so wichtig.“ Ein Bekannter des Fotografen hätte ihr vorgeschlagen, Sarah für die Produktion casten zu lassen. „Ich hätte im Leben nicht dran gedacht, dass Sarah Fotos machen könnte. Wir haben sie dann gefragt, ob sie Lust dazu hätte und sie hat ja gesagt.“ An die Zukunft denke sie nicht, sagt sie: „Wenn noch mehr Anfragen kommen und Sarah Lust dazu hat, warum nicht. Aber wir planen da keine Karriere oder so etwas.“
Billie sieht das anders: „Wir nehmen das Modeln schon ernst, Jamie ist ja auch ein gefragtes Mädchen. Und wenn sie Topmodels wie die Klum im Fernsehen sieht, dann sagt sie schon mal: Sowas will ich auch! Wir haben auch ein paar Mal die Agentur gewechselt. Wir waren vorher bei einigen, die sich überhaupt nicht um Jobs gekümmert haben, da konnte man dann monatelang warten. Aber mit der jetzigen sind wir sehr zufrieden, die machen ihren Job gut.“
Der Fotograf ist unzufrieden, Jamie ist unkonzentriert und hibbelig. Billie stellt sich vor das Set: „Jaaamiiiee, jetzt sei doch mal still!“ die Antwort ist ein lautes Fiepen. Während des Shootings gibt sie ihrer Tochter Anweisungen: Lächel doch mal, setz dich mal so hin, schau nach oben. Paul Hutter ist genervt, er ist der einzige, der den Modellen Anweisungen geben darf. Jamie wird unsicher und fängt zur Ablenkung an zu fiepen. Die Produktionsleiterin Nadine zuckt mit den Schultern und ruft eine Kaffeepause aus. „Wenn Kinder keinen Bock haben, dann haben sie eben keinen, das ist nun mal das Risiko beim Arbeiten mit Kindern.“ sagt sie. Der zweite Risikofaktor seien die Eltern: „Da gibt es Eltern, die bauen während des Shootings einen ungeheuren Druck auf, dann werden die Kleinen nervös und wollen ihrer
Mama gefallen. Sie sollen aber dem Fotografen gefallen, ab da kann man oft nicht mehr weiterarbeiten.“
Jamie ist noch nicht soweit, sie posiert wie ein Kätzchen und miaut laut. Billie ist das sichtlich unangenehm: „Kinder! Sonst ist sie wirklich nicht so. Sie hat ja Erfahrung.“ Doch weder Schimpfen noch Schokolade beeindrucken das erfahrene Kindermodell, Jamie möchte lieber spielen. „Das war’s dann.“ Die Stylistin Nathalie Groß wartet auf das Wrap-Zeichen der Produktionsleiterin. „Das war ein typischer Fall von Abbruch wegen übereifrigen Eltern. Die nehmen das furchtbar ernst und pushen die Kinder. Man hat manchmal den Eindruck, dass sie ihre eigenen Wünsche auf ihre Kinder projizieren.“
So wie die Mutter von den Zwillingen Nina und Jakob Weber. Während ihre Kinder für ein Shooting auf der Rennbahn in Köln-Weidenpesch angezogen und geschminkt werden, erzählt sie, dass sie selbst modelt. Sie wirkt nicht wie ein typisches Model, ihre blonden Haare sind kapputt gefärbt, die Gestalt hager und ihre Züge kränklich. Was sie bestätigt: sie sei vor einer Woche am Rücken operiert worden, hätte aber ihre Kinder nicht im Stich lassen können. Ihr Mann guckt zur Seite. Sie verteilt ihre Sedcard, „Falls jemand Interesse hat.“ Sie bittet darum, den Schreibfehler zu übersehen. Nathalie Groß lächelt gequält: „Schlechte Bilder, schlechtes Papier, Schreibfehler. Damit bekommt man keinen Job.“ So etwas komme
aber öfter vor: „Das passiert schon mal, dass Eltern mit eigenen Modelambitionen dabei sind und einen Job zur Kontaktpflege nutzen. So etwas wird nicht gern gesehen, das lenkt vom eigentlichen Shooting ab und irritiert die Kinder. Damit könne man aber immer noch besser umgehen, als mit „Modelmoms“, die einem in die Arbeit reinreden würden: „Ich habe Mütter gekannt, die mir Styling-Ratschläge für ihre Kinder gegeben haben, die am liebsten die Outfits selbst ausgesucht hätten. Da muss man sich schon zusammenreißen, um nicht die Augen zu verdrehen. Im Idealfall arbeitet man mit den Eltern zusammen. Sie können einem
helfen, mit ihren Kindern umzugehen. Manche Kinder lassen sich zum Beispiel nicht gern an den Kopf fassen, das ist für die Visagistin dann ein Drahtseilakt. Und da kann eine vertraute Person eine enorme Hilfe sein!“
Trotzdem habe sie den Eindruck, dass viele Eltern ihre Kinder unterschätzen würden: „Die denken oft nicht, dass sich kleine Kinder so stark konzentrieren können und sind manchmal selbst überrascht. Im schlechtesten Fall beunruhigt. Dann wollen sie das vermeintlich eingeschüchterte Kind wieder aus der Reserve locken und stören erst recht die Arbeit.“
Sarah musste keiner wachkitzeln, Paul Hutter ist froh über das unkomplizierte Modell und die zurückhaltende Mutter: „Wär schön, wenn das immer so sein könnte! Aber Fotografieren ist kein Wunschkonzert!“ Auch Sarahs Mutter ist erleichtert über den reibungslosen Ablauf. Sie habe sich alles anders vorgestellt: „ein bisschen etepetete.“ Sie ist verlegen „Man ist als Hausfrau in dieser Branche nicht drin, man kennt so was ja nur aus dem Fernsehen. Aber das war ja alles sehr nett hier.“ Sarah teilt diese Meinung, sie ist fand ihr erstes Mal toll und kann sich vorstellen, öfter Modell zu stehen „Wenn die Mama das erlaubt.“ Die Mama nickt.
Das Fotografenteam in Düsseldorf ist dann am Ende doch noch zufrieden. Nachdem die Visagistin Billie unauffällig in ein Gespräch über Hairstyling verwickelt hatte, war auch Jamie wieder zum Posieren bereit. „Zufrieden ist vielleicht ein bisschen übertrieben.“ sagt Nadine beim ersten Sichten der Bilder. „Da ist leider nicht so viel dabei, wie wir gehofft hatten. Damit muss man halt immer rechnen.“
Das Modell und ihre Mutter wollen die Bilder auch sehen. „Na, ist doch total süß geworden! Schau mal!“ Billie zeigt auf den großen Bildschirm „Schau mal wie hübsch du aussiehst, Mäuschen!“ Jamie schmiegt sich an ihre Mutter, ihr gefällt es auch. Billie ist zufrieden mit ihrer Tochter: „Das macht die schon unheimlich professionell für ihr Alter. Sie hat da wirklich Spaß dabei, weiß aber auch, dass das Arbeit ist.“
Jetzt sei für Jamie mit Shooten aber erst einmal Pause. Das nächste Shooting würde die jüngere Schwester machen, Jamie solle sich in Ruhe auf ein anstehendes TV-Casting vorbereiten.
Alle Namen geändert.
